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Die Toskana - ein kulturelles Wunder

Wieder einmal können wir einige Tage in der Region Italiens verbringen, die uns inzwischen so sehr ans Herz gewachsen ist. Und wieder einmal nimmt diese besondere Vorfreude von uns Besitz, die sich immer Raum schafft, wenn wir kurz vor Bologna nach Süden Richtung Florenz abbiegen. Wie immer erreichen wir unser Ziel in der Dämmerung des Morgens – die Landschaft liegt verlassen da, es ist sehr still, selbst die Hoftiere sind eingesperrt. In der Ferne Ketten kleiner Lichter – Straßenlaternen, feine Verbindungen zwischen ruhig liegenden Dörfern. Die Dunkelheit und Leere dieser nächtlichen Region mutet an, als ob sie aus dem Mittelalter stammt.

Die Toskana als „Wiege der Renaissance“ ist gleichzeitig der Geburtsort unserer modernen Welt: Giotto transportierte in seinen Gemälden die Toskana in die Welt; Brunelleschi krönte den Dom von Florenz mit der Kuppel und vollbrachte gleichzeitig die größte bauliche Leistung der Renaissance; in den Fresken der Capella Brancacci von Santa Maria del Carmine zeigte Masaccio das All, bewohnt von menschlichen Figuren.

Das kulturelle Wunder der Toskana besteht jedoch aus mehr als dem starren Bild der Renaissance, es ist lebendig durch die permanente wirtschaftliche und politische Entwicklung dieser Region – es sind die Toskaner von gestern, heute und morgen, die dieses Wunder prägen. Der Sinn für Ästhetik ist ihnen angeboren. Dieses Wunder lebt durch die Vielfalt, die hier herrscht: die literarische Toskana, vertreten durch Bocaccio und Petrarca - und Dante’s Verse, die Wände und Plätze in Florenz schmücken. Die republikanische Toskana zeigt sich in ihren trutzigen Rathäusern, während sich das humanistische Erbe in Poesie, Skulpturen und Malerei manifestiert, den Ergebnissen von Mäzenatentum und Kunstsinnigkeit. Die adlige Toskana, versteckt in ihren Palästen, Villen und kunstvollen Gärten, wie die der Medici, Corsini und Frescobaldi. Die bürgerliche Toskana, sie flaniert über die Via die Tornabuoni in Florenz und fördert die Künste und erhält die Familiensitze. Schließlich die bäuerliche Toskana, aus der all diese Vielfalt hervorging, seit Jahrhunderten Hersteller von Wildspezialitäten, Bohnen, Kastanienmehl, ungesalzenem Brot und natürlich der Weine wie dem Chianti und dem Brunello. Die toskanische Landesküche verbindet den Sinn für Maß mit der Vielfalt.

Auch die toskanische Natur spiegelt dieses Prinzip der Verbindung von Maß und Vielfalt wider. Einerseits wild und urtümlich so wie in den gewaltigen Marmorbrüchen von Carrara und der ungezähmten Landschaft der Maremma, oder der zerklüfteten Küste bei Livorno- andererseits gezähmt und kultiviert wie in den Hügeln des Chianti oder dem fruchtbaren Mugello-Tal.

Jedoch kommt man nicht umhin, auch eine andere Wahrheit zu realisieren: Etrusker kultivierten das Land, Toskaner versuchten es zu zivilisieren und die Ausländer romantisierten es. Alle waren mit dem Land verbunden, nur einige waren dort verwurzelt und nur ganz wenige konnten es beherrschen. Das Erbe, das die etruskische Zivilisation hinterlassen hat, wirkt bis in die heutige Zeit stärker nach, als das Erbe der Römer. Die etruskische Einrichtung des „Stadtstaates“ ist bis heute allgegenwärtig. Die toskanischen Städte und ihre Bewohner zeichnen sich durch das ausgeprägte Bewusstsein der eigenen Individualität und Identität aus. Sie stellen sich damit bewusst gegen den Strom moderner Gleichmacherei und Internationalität. Ein typisch toskanischer Begriff ist der des „Campanilismo“ (Kirchturmpolitik) – er bezeichnet eine tief verwurzelte Grundeinstellung der Toskaner, die jedem noch so unbekannten Dorfheiligen garantiert, dass man ihn über viele Generationen hinweg in seinem Ort kennt und verehrt.

Letztlich entwickelte sich das moderne Italienisch aus dem toskanischen Dialekt. Die Städte Florenz und Siena streiten sich noch heute darüber, wer das Prädikat für die sprachliche „Reinheit“ des jeweiligen Dialekts beanspruchen kann – und beide Städte fühlen sich dem Staat und seinem toskanischen Italienisch überlegen.

Der Begriff des „kulturellen Wunders“ steht für vieles – die Stadt als Bollwerk gegen die Dunkelheit gehört genauso dazu wie die „Civilitá“, die einen toskanischen Papst in Pienza seinen Palast um einen Aussichtspunkt herum planen liess – zum ersten Mal ging die Aussicht als Planungselement in die Geschichte der europäischen Architektur ein. Für die Florentiner ist Michelangelo’s „David“ das Symbol ihrer Besonderheit. „David“ ist eine Studie nackter Schönheit, aber auch Abbild des „ewigen“ Florentiners, ein unbändiger neuer Geist, der aus Marmor geboren werden will.

Auch diesmal verlassen wir die Region nach einigen Tagen, überflutet von Eindrücken, teilweise hitzig über die „Dosis“ streitend, die man sich zumuten kann, ohne heillos in einem Meer von Wissen und Impressionen zu versinken. Einmal mehr nehmen wir das Gefühl mit, an einem magischen Ort, in einer magischen Region, gewesen zu sein. Dieses Gefühl wird uns wie ein leuchtendes Band im Labyrinth des Alltags immer wieder hierhin zurückbringen. Das ist sicher.

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