Reisebericht Toskana-Rundreise
Kaum eine Region Europas strahlt so viel Tradition und Geschichte aus wie die italienische Toskana. Doch allein landschaftlich ist die Toskana so außergewöhnlich schön, dass es unmöglich ist, sich während der Fahrt von den weitschweifigen Hügeln, den gewundenen Zypressenalleen und den üppigen rotbraunen Feldern abzuwenden. Mit warmem, trockenem, sonnigem Sommerwetter begrüßte mich die Landschaft.
Die erste Station meiner Entdeckungsreise war Florenz. Der Mittelpunkt dieser geschichtsträchtigen ist ein Ort, der einen architektonischen Reichtum bietet, dass sich sämtliche Details innerhalb weniger Stunden kaum erfassen lassen. Das achteckige Baptisterium aus dem 11. Jahrhundert, der 84 Meter hohe Campanile und der gigantische Dom, der in 140 Jahren erbaut wurde, sind kulturelle Schätze, angesichts derer manchem Reisenden der Atem stockt. Weiterhin lässt es sich kein Gast der toskanischen Hauptstadt nehmen, den Ponte Vecchio zu überqueren, jene prächtige Brücke, die den Palazzo Vecchio und die neue Residenz der Medici, den Palazzo Pitti, miteinander verbindet und einst eine so immense politische und gesellschaftliche Bedeutung innehatte. Einen skurrilen Gegenpol zur Würde und Geschichte der Stadt bildete an diesem Tag eine Abordnung von tausenden schottischen Fußballfans, die angesichts eines Länderspiels nach Florenz gereist waren. Kilt tragende, blau geschminkte, singende, bierselige und vor allem fröhliche Männer hatten die Straßen und Plätze in Beschlag genommen und tauchten die Stadt in ein ganz besonderes Licht.
Toskana Rundreise
Die zweite Hauptattraktion der Region ist zweifellos Pisa. Erst wirkte es ein wenig befremdlich, wie unscheinbar der berühmte Schiefe Turm im Rahmen des Ensembles, dessen Mittelpunkt der prunkvolle Dom bildet, zunächst erscheint. Umso attraktiver und harmonischer wirkt jedoch der gesamte Komplex aus Turm, Kathedrale und Baptisterium. Auf meiner Erkundung der Altstadtviertel stellte ich später fest, dass Pisa entgegen meiner Annahme eine erstaunlich ruhige und unberührte Stadt mit engsten Gassen, winzigen Cafes und Restaurants und den in klassischem Gelb gestrichenen Wohnhäusern ist.
Eine längere Fahrt führte mich nach San Gimignano. Keine andere italienische Stadt beherbergt so gut erhaltene Türme wie das „Manhattan der Toskana“, das diesen liebevollen Beinamen seinen teilweise baugleichen Geschwistertürmen verdankt, von denen es einst mehr als siebzig gab. Heute sind noch fünfzehn dieser imposanten Gebäude zu bewundern, die für die Bewohner früher als Prestigeobjekte galten. Einen besonders ergiebigen Blick auf das Stadtbild konnte ich vom Piazza della Cisterna aus genießen, der von jahrhundertealten Wohnpalästen eingerahmt ist.
Anschließend näherte ich mich einem Ziel, das ich in jenen Tagen mit zehntausenden Menschen teilte. Ich erreichte Siena und war froh, meine Unterkunft lange Zeit im Voraus gebucht zu haben. Es war der Vorabend des legendären Palio, und die Stadt platzte aus allen Nähten. Der Palio, eines der spektakulärsten Pferderennen der Welt, findet jedes Jahr am 2. Juli und am 16. August mitten im historischen Zentrum Sienas statt. Schon früh am strahlenden Morgen war Il Campa, der zentraler altstädtische Platz, zum Bersten gefüllt. Menschen jeder Hautfarbe und ein vielsprachiges Gemisch aus Italienisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch und Japanisch erfüllten den von mehrstöckigen, traditionell beflaggten Gebäuden umgeben Piazza. Der pompöse, farbenprächtige Einzug der Fahnenträger, die die Flaggen der Contraden – der Stadtteile Sienas – schwenken, wurde von tosendem Beifall und Blitzlichtgewittern begleitet. Das umjubelte Rennen selbst, das zehn Jockeys auf ungesattelten Pferden austragen und den Campa dabei dreimal umrunden, dauerte kaum länger als zwei Minuten, wirkte aus der Ferne extrem halsbrecherisch und bot vor allem einen ganz besonderen Einblick in das Brauchtum und Traditionsverständnis der Menschen in der Toskana dar, die das Turnier und sich selbst bis spät in die Nacht hinein feierten.
Über die bewaldeten Maremmahöhen führte mein Weg schließlich in den Süden der Region. Den ganz besonderen Abschluss meiner Reise bildete Pitiglalio. Von fern wirkt das Städtchen einem aufwändigen und trickreichen Monumentalfilm entsprungen, so bizarr und unwirklich ist sein Anblick. Pitiglalio wurde auf einem Tufffelsen errichtet und ist auf drei Seiten von Schluchten umgeben. Unter den mittelalterlichen Gebäuden sind wie höhlenähnlich anmutende Öffnungen in den Stein geschlagen, die etruskischen Keller, die heute der Weinlagerung diesen. In den schmalen Gassen dieser wunderschönen Stadt beschloss ich meine Reise mit einem Bianco di Pitiglalio, dem berühmten Wein.
Und einmal mehr bewirkte die besondere Ausstrahlung der Toskana, dass der Reisende sich schon in dem Moment, in dem er der Region den Rücken kehrt, erneut nach ihr zu sehnen beginnt.

